Die Sierra Nevada als Herz der Welt: Warum das Gebirge heilig ist

 Schneebedeckte Gipfel der Sierra Nevada de Santa Marta über Wolkenbänken und bewaldeten

„Heilig" ist im Deutschen ein Wort aus dem kirchlichen Zusammenhang. Es meint einen Bereich, der vom Alltag getrennt ist: der Sonntag, die Kirche, das Sakrament.

Hier passt es nur halb. Und genau dieser Unterschied ist der ganze Punkt.

In unserem Artikel über die Arhuaco haben wir diesen Teil bewusst ausgelassen, mit der Begründung, dass er sich in drei Sätzen nicht sagen lässt, ohne schief zu werden. Hier holen wir ihn nach, mit mehr Platz und mit Quellen, an denen die Gemeinschaften selbst beteiligt waren.

Vorab, in einem Satz

Die vier indigenen Völker der Sierra Nevada, Arhuaco, Kogi, Wiwa und Kankuamo, beschreiben das Gebirge nicht als Ort mit religiöser Bedeutung, sondern als Zentrum eines Zusammenhangs, für dessen Gleichgewicht sie zuständig sind. Grundlage ist die Ley de Origen, eine Ordnung, die Verhalten, Landnutzung und Verantwortung regelt. 2022 nahm die UNESCO dieses Wissenssystem in die Liste des immateriellen Kulturerbes auf.

Warum „heilig" nur die halbe Übersetzung ist

Im europäischen Verständnis gibt es eine Trennung: hier das praktische Leben, dort die Religion. Man kann Landwirt sein und sonntags in die Kirche gehen, und das eine hat mit dem anderen wenig zu tun.

Diese Trennung ist in der Beschreibung der vier Völker nicht vorgesehen.

Der offizielle Schutzplan, den das kolumbianische Kulturministerium gemeinsam mit den Gemeinschaften erarbeitet hat, beschreibt das Territorium als einen zusammenhängenden Organismus, in dem alle materiellen und immateriellen Bestandteile zur gleichen Struktureinheit des Lebens gehören. Flüsse, Berge, Pflanzen und Tiere sind darin nicht Kulisse, sondern Beteiligte.

Praktisch heißt das: Eine Entscheidung über ein Stück Land ist gleichzeitig eine Entscheidung über eine Beziehung, und kein Bereich ist davon ausgenommen.

Wer „heilig" liest und dabei an Feiertage denkt, liest es falsch. Näher dran ist: zuständig.

Die Ley de Origen

Der zentrale Begriff.

Die Ley de Origen, das Gesetz des Ursprungs, wird im Schutzplan als die grundlegende Ordnung beschrieben, die vor der materiellen Welt bestand und für alle vier Völker die höchste Autorität darstellt. Sie regelt den Schutz des Territoriums, die Weitergabe von Wissen und das Verhalten der Menschen.

Zwei Eigenschaften machen sie schwer übersetzbar:

  • Sie ist nicht schriftlich. Sie wird in einer eigenen, als spirituell beschriebenen Sprache weitergegeben, nicht als Gesetzestext.
  • Sie ist nicht optional. Der Plan spricht von Mandaten, also von Auflagen, nicht von Empfehlungen.

Die UNESCO beschreibt die Ley de Origen in ihrer Begründung als „eine Philosophie, die die Beziehungen des Menschen zur Natur und zum Universum regelt". Das ist nah dran, lässt aber offen, dass es nach dem Selbstverständnis der Völker keine Weltanschauung unter mehreren ist, sondern die Ordnung selbst.

Das Herz der Welt, wörtlich genommen

Corazón del mundo, Herz der Welt: der Begriff, mit dem die vier Völker die Sierra Nevada bezeichnen.

Er ist nicht als Kompliment an eine schöne Landschaft gemeint. Die Aussage ist konkret: Was in diesem Gebirge geschieht, wirkt auf das Gleichgewicht des Ganzen. Geht es dem Herzen schlecht, geht es dem Rest schlecht.

Daraus folgt eine Zuständigkeit: Die vier Völker verstehen sich als diejenigen, die für die Pflege dieses Zentrums verantwortlich sind. Das ist eine Aufgabenbeschreibung, keine Gefühlslage.

Ein Randdetail, das viel erklärt: Dass dieses Gebirge von den Anden getrennt liegt und von der Küste bis auf 5.700 Meter praktisch alle Klimazonen der Erde in sich vereint, ist geografisch nachprüfbar. Ein Gebirge, in dem Karibikstrand und Schnee 42 Kilometer auseinanderliegen, ist tatsächlich ein Modell der Welt im Kleinen.

Ezwama: die Orte, an denen entschieden wird

Ein Begriff, der in populären Texten fast nie vorkommt, obwohl er zentral ist.

Ezwama bezeichnet zeremonielle Zentren. Der Schutzplan beschreibt sie als abgestufte Orte, denen Mamos vorstehen und an denen die Befugnis liegt, zu regeln: Gemeinschaften zu organisieren und traditionelle Arbeiten anzuweisen.

Das ist der Punkt, an dem sich die europäische Lesart am deutlichsten irrt. Diese Orte sind keine Gebetsstätten im Sinne eines Rückzugs aus dem Alltag. Sie sind die Stellen, an denen Zuständigkeiten geklärt und Entscheidungen getroffen werden. Näher an einem Rathaus als an einer Kapelle, nur dass die Zuständigkeit weiter reicht.

Pagamento: Rückgabe, nicht Opfer

Der am häufigsten falsch erklärte Begriff.

Pagamento wird meist als „Zahlung" oder „Opfergabe" übersetzt. Beides führt in die Irre. Die Beschreibung im Schutzplan ist eine andere: Es handelt sich um Rückgaben, also um die Erfüllung der Auflage, der Natur für das zu entsprechen, was sie zur Verfügung stellt. Durchgeführt werden sie an bestimmten Orten, mit dem Ziel, das Gleichgewicht zwischen den Bereichen zu erhalten.

Der entscheidende Gedanke ist Gegenseitigkeit. Wer nimmt, gibt zurück. Nicht um etwas zu erbitten, sondern um eine Bilanz auszugleichen.

Auch die UNESCO listet diese Rückgaben ausdrücklich als Bestandteil des Systems auf, neben der Pflege heiliger Orte, Taufritualen, Eheriten sowie traditionellen Tänzen und Gesängen.

Ein Hinweis, der hierher gehört: Wie diese Handlungen genau ablaufen, steht nicht in diesem Artikel. Das ist keine Auslassung aus Bequemlichkeit. Es ist nicht öffentliche Information für eine Kaffeeseite.

Mamos und Sagas

Über die Mamos haben wir im Arhuaco-Artikel geschrieben. Hier gehört eine Ergänzung dazu, die in den meisten Texten fehlt.

Die UNESCO nennt in ihrer Begründung ausdrücklich beide: wissende Männer, die Mamos, und wissende Frauen, die Sagas. Der Schutzplan beschreibt die Sagas als Wissensträgerinnen, deren Kenntnis und Beziehung zur spirituellen Welt das tägliche Miteinander in der Gemeinschaft vermittelt.

Dass in populären Darstellungen fast nur von Mamos die Rede ist, verzerrt das Bild. Es ist kein System mit einer männlichen Autorität, sondern eines mit zwei benannten Rollen.

Beiden wird zugeschrieben, mit den Bestandteilen des Territoriums in Verbindung zu treten. Die UNESCO formuliert es als die Fähigkeit, „mit den schneebedeckten Gipfeln zu kommunizieren, sich mit dem Wissen der Flüsse zu verbinden und die Botschaften der Natur zu entschlüsseln".

2022: Was die UNESCO genau aufgenommen hat

Am 29. November 2022 nahm die UNESCO das „Ancestral system of knowledge of the four indigenous peoples, Arhuaco, Kankuamo, Kogui and Wiwa of the Sierra Nevada de Santa Marta" in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf.

Bemerkenswert daran sind zwei Dinge.

Erstens der Gegenstand. Aufgenommen wurde kein Bauwerk, kein Fest und kein Handwerk, sondern ein Wissenssystem als Ganzes, einschließlich der Weitergabe über die eigenen Sprachen.

Zweitens die Begründung. Die UNESCO nennt die Rolle dieses Wissens beim Schutz des Ökosystems der Sierra Nevada ausdrücklich als Teil der Begründung. Das verbindet, was in europäischen Texten meist getrennt wird: Kultur auf der einen Seite, Umweltschutz auf der anderen.

Organisiert sprechen die vier Völker seit 1999 über den Consejo Territorial de Cabildos (CTC), ein gemeinsames Gremium gegenüber Staat und Gesellschaft.

Was das mit Land und mit Kaffee zu tun hat

Die Verbindung ist praktischer, als sie klingt.

Heilige Orte in diesem System sind physische Orte: Quellen, Flussabschnitte, Felsen, Bergsättel. Sie liegen in einer Landschaft, in der auch gewohnt und angebaut wird. Damit ist jede Entscheidung über Wege, Wasser, Rodung oder Bebauung auch eine Entscheidung über diese Orte.

Zum System gehört zudem ein ökologischer Kalender, den die UNESCO als Bestandteil nennt: eine Ordnung dafür, wann welche Arbeit ansteht.

Für den Kaffeeanbau in dieser Region ergibt sich daraus eine Übereinstimmung, die man nicht überhöhen muss, um sie festzuhalten: Ein Anbausystem, das auf Schattenbäumen und intaktem Wasserhaushalt beruht, steht nicht im Widerspruch zu einer Ordnung, die den Erhalt dieser Bestandteile zur Auflage macht. Nach Jahrzehnten starker Abholzung, die in der Sierra Nevada zwei Flüsse trockenfallen ließ, ist das keine Nebensache.

Die unbequeme Stelle

Und damit zu dem Teil, den ein Kaffeehändler eigentlich weglassen würde.

Derselbe Schutzplan, aus dem die Beschreibungen in diesem Artikel stammen, listet auf, was das System bedroht. Genannt werden unter anderem Evangelisierung, bewaffneter Konflikt, Eingriffe in das Territorium, Raubgrabungen, illegaler Coca-Anbau und Tourismus. Unter den internen Schwächen steht die Kommerzialisierung von Kultur.

Das steht dort, weil es passiert. Spirituelle Begriffe aus der Sierra Nevada tauchen längst in Reiseangeboten, Retreats und Produktbeschreibungen auf, meist ohne Bezug zu den Menschen, von denen sie stammen.

Deshalb hier explizit, was dieser Artikel nicht tut und unser Kaffee nicht behauptet:

  • Unser Kaffee ist nicht gesegnet, nicht zeremoniell und nicht spirituell aufgeladen.
  • Die Ley de Origen ist kein Qualitätsmerkmal und taucht in keiner Produktbeschreibung von uns auf.
  • Wir treten nicht als Vermittler eines Weltbildes auf, das nicht unseres ist.

Was wir tun: Wir verkaufen Kaffee aus einer Region, und wir halten es für richtig, erklären zu können, wer dort lebt und nach welcher Ordnung. Das ist Landeskunde, nicht Produktversprechen.

Wer tiefer einsteigen will, sollte nicht bei Händlern nachlesen, auch nicht bei uns, sondern bei der UNESCO-Eintragung, beim Schutzplan des kolumbianischen Kulturministeriums und bei den Organisationen der vier Völker selbst.

Häufige Fragen

Warum wird die Sierra Nevada „Herz der Welt" genannt?

Weil die vier indigenen Völker das Gebirge als Zentrum eines Zusammenhangs verstehen, dessen Gleichgewicht von dort abhängt. Der Begriff beschreibt eine Zuständigkeit für dieses Gleichgewicht, nicht die Schönheit der Landschaft.

Was ist die Ley de Origen?

Das Gesetz des Ursprungs: die grundlegende Ordnung, die nach dem Selbstverständnis der vier Völker vor der materiellen Welt bestand und Verhalten, Landnutzung und Wissensweitergabe regelt. Sie ist nicht schriftlich festgehalten und wird in einer eigenen Sprache weitergegeben.

Was bedeutet Pagamento?

Wörtlich „Zahlung", tatsächlich aber eine Rückgabe im Sinne von Gegenseitigkeit: die Erfüllung der Auflage, der Natur für das zu entsprechen, was sie bereitstellt. „Opfergabe" ist eine irreführende Übersetzung.

Was hat die UNESCO 2022 aufgenommen?

Das gemeinsame Wissenssystem der vier indigenen Völker Arhuaco, Kankuamo, Kogi und Wiwa der Sierra Nevada de Santa Marta, aufgenommen am 29. November 2022 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit.

Woher kennen viele Menschen in Europa dieses Thema?

Meist über Dokumentarfilme, die sich auf die Kogi konzentrieren, etwa die BBC-Produktion von 1990 und einen Nachfolgefilm von 2012. Beide haben das Thema international bekannt gemacht, zeigen aber einen Ausschnitt: Es sind vier Völker, nicht eines, und die Filme wurden nicht von den Gemeinschaften selbst produziert.

Sind alle vier Völker gleich?

Nein. Arhuaco, Kogi, Wiwa und Kankuamo haben eigene Sprachen, eigene Territorien und eigene Organisationen. Sie teilen die Bezugnahme auf die Ley de Origen und sprechen in bestimmten Fragen gemeinsam über den Consejo Territorial de Cabildos, sind aber nicht eine Gemeinschaft.

Wenn dich die Region als Anbaugebiet interessiert, also Höhenlage, Klima und Geschmack, findest du das im Artikel über die Sierra Nevada de Santa Marta. Und wer wissen will, wer dort Kaffee anbaut, liest den Artikel über die Arhuaco.

Quellen & weiterführende Informationen

  • UNESCO, Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes: Ancestral system of knowledge of the four indigenous peoples, Arhuaco, Kankuamo, Kogui and Wiwa of the Sierra Nevada de Santa Marta (2022) – offizieller Elementname, Begründung, Rolle von Mamos und Sagas, Bestandteile des Systems
  • Ministerio de Cultura de Colombia, Plan Especial de Salvaguardia: Sistema de Conocimiento Ancestral de los Cuatro Pueblos de la Sierra Nevada de Santa Marta – Definitionen von Ley de Origen, Ezwama und Pagamento, Territorium als Struktureinheit, Gründung des Consejo Territorial de Cabildos 1999, Liste der Bedrohungen einschließlich Kommerzialisierung von Kultur und Tourismus
  • El Colombiano, Bericht zur Aufnahme des Wissenssystems in die UNESCO-Liste (29. November 2022) – Datum der Aufnahme, beteiligte Völker, Aussagen von Vertretern der Gemeinschaften